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Sabine Ludwig
Wie sind Sie auf die Geschichte für „Aufruhr im Schlaraffenland“ gekommen?
Ich bin ja viel unterwegs und werde oft zu Lesungsorten gefahren. Einmal war ich mit einem jungen Mädel unterwegs, das hatte auch so ein Navi – ich halte ja sowieso nicht viel von den Dingern – aber dieses Navi drehte total durch. Mitten auf der Autobahn hieß es dann plötzlich: „Jetzt rechts abbiegen, rechts abbiegen, rechts abbiegen“. Wir landeten schließlich in einem Waldweg und es war offensichtlich, dass das Navi einfach keine Ahnung hatte. Das war der Auslöser für meine Geschichte. Ich dachte: Wie ist es, wenn man mit so einem Navi an irgendeinem Ort landet, den es eigentlich gar nicht gibt? Das Schlaraffenland ist ein Märchen, das mich als Kind immer sehr fasziniert hat. Vor allem das mit dem Breiberg, durch den man sich irgendwie durchfressen muss. Das hat ja auch etwas Beängstigendes. Da lag es natürlich nahe, dass man ein Auto durch den Breiberg fahren lässt…
Ist das Schlaraffenland das verlorene Paradies oder doch eher die Hölle? Die Kinder sind ja irgendwann genervt von den ganzen Süßigkeiten.
Ich finde, es ist alles andere als ein Paradies – dieses Überangebot an Essen und vor allem auch, dass ja nichts natürlich ist. Es gibt kein Wasser, das ist eben Milch. Im Originalmärchen fällt Honig als Regen vom Himmel und es hagelt Würfelzucker. Die Blumen sind alle aus Marzipan oder Zuckerguss. Also die gesamte Natur fehlt eigentlich. Schon allein diese Vorstellung finde ich ganz grauenvoll.
Ja, und der Faulste, Dümmste, Gefräßigste wird König. Ist das so etwas wie Gesellschaftskritik in diesem Märchen?
Ich glaube, dass dieses Märchen eine Gesellschaftskritik ist. Damals als Bechstein es schrieb – es gibt auch noch eine sehr schräge Version der Gebrüder Grimm – da hatten wir ja noch die Feudalstaaten und nicht alle Fürsten waren irgendwie Intelligenzbestien, sondern viele waren einfach dick, faul und gefräßig und haben ihre Bauern ausgepresst. Interessanterweise kennen die Kinder dieses Märchen heute überhaupt nicht mehr. Sie können mit diesem Begriff „Schlaraffenland“ heute nur noch das Motiv mit dem Essen verbinden. Es ist aber viel mehr: Man kann das Geld von den Bäumen schütteln. Der, der sonst überall verliert, gewinnt. Wer zu doof ist, beim Schießen irgendetwas zu treffen, trifft immer ins Schwarze. Wer lügt, ist sowieso am besten dran und wer die Wahrheit sagt eben nicht. Es ist ja eigentlich wie eine Umkehrung dessen, was normalerweise der Fall ist. Das wissen Kinder überhaupt nicht mehr.
In Rezensionen ist immer wieder zu lesen, dass Sie eine richtig gute Beobachterin unseres Alltags sind und vor allem dessen komische Seiten und Absurdität zeigen. Wie beobachten Sie? Wo haben Sie Ihre Ideen her?
Ich führe ein ganz stinknormales Leben. Ich mache keine aufregenden Reisen, ich habe keine interessanten oder gefährlichen Hobbys. Ich kann nur über das schreiben, was alltäglich bei mir passiert und das ist nicht immer lustig. Ganz im Gegenteil, der Alltag ist ja oft voller Widrigkeiten. Und ich denke, man kann eigentlich nur damit umgehen, indem man darüber lacht und das habe ich immer gemacht. Zuerst finde ich es nicht komisch, aber wenn ich es erzähle, dann schildere ich es immer so, dass es irgendwie komisch rüberkommt. Das habe ich schon sehr früh gemacht. Wenn mir irgendetwas widerfahren ist – also richtig viel Schlamassel – dann habe ich es hinterher immer fertiggebracht, eine Geschichte daraus zu machen. Wahrscheinlich gibt es zwei Sorten von Autoren: Die einen, die das ganze noch dramatisieren und tragische Geschichten daraus machen, und die anderen, die jedes Ungemach ins Lächerliche ziehen. Zu denen gehöre ich.
Wenn die Aufnahmen jetzt fertig sind und das Buch im Buchhandel erscheint, dann gehen Sie ja auch wieder auf Lesereise. Freuen Sie sich schon darauf, aus dem Buch vorzulesen?
Ja, ich freue mich vor allem auf ein Kapitel in dem Buch. Da steht für mich schon fest, dass ich daraus vorlesen werde. In dem Kapitel gabeln Karl Philip Papproth und sein Vater Carmen Schulze mit Justin und Samantha auf und fahren dann aufgrund dieses Billig-Superschnäppchen-Navis ins Schlaraffenland. Das ist die Stelle im Buch, die mir am besten gefällt. Außerdem muss ich auch eine Stelle wählen, die am Anfang steht. Ich kann ja nicht gleich die Pointe vorwegnehmen. Was ich dann noch vorlese, muss ich mir noch überlegen. Jetzt bin ich ja sozusagen im Training. Ich weiß nun, was mir beim Lautlesen ganz gut liegt und was eher nicht.
Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Ja, natürlich Carmen Schultze! Obwohl ich Berlinerin bin, gab es bislang in keinem meiner Bücher wirklich richtige Berliner. Mit Carmen Schultze habe ich zum ersten Mal eine eingeführt und die finde ich einfach klasse. Die sagt immer das Richtige und bringt die Sache auf den Punkt. Die gefällt mir richtig gut.
Sie lesen ja zum ersten Mal ihr Buch selbst ein. Wie ist die Arbeit im Tonstudio?
Ja, es ist das erste Buch, das ich selbst einlese und ich muss sagen, es ist wirklich harte Arbeit. Das macht man sich nicht so klar. Natürlich lese ich aus meinen Büchern bei Lesungen, aber da lese ich immer nur bestimmte Abschnitte. Aber einen ganzen Text von mehr als 200 Seiten zu lesen – selbst auf 3 Tage verteilt – das ist wirklich schwere Arbeit.
Wie ist denn die Zusammenarbeit mit dem Regisseur? Ist das sehr ungewohnt?
Nein, das ist super hilfreich, vor allem weil er genau aufpasst, dass man z. B. in einer Figur, die man auf eine bestimmte Art und Weise angelegt hat, auch drin bleibt. Dass man nicht jemanden, den man mit einer sehr hohen Stimme gesprochen hat, auf einmal dreißig Seiten später mit einer tiefen Stimme spricht. Es ist ein bisschen wie beim Film. Der Regisseur muss aufpassen: Hatte der in Szene 1 ein gelbes Hemd? Dann muss er in Szene 23 auch eins haben. Einen Regisseur braucht man auf jeden Fall.
Sie machen ja sehr viele Live-Lesungen. Was ist jetzt anders im Tonstudio? Fehlt das Publikum?
Es fehlt, ja. Das hätte ich mir vorher auch nicht so vorgestellt. Es fehlt das Publikum, dem ich es vorlese. Und dann gluckert mein Magen hier die ganze Zeit, weil ich so viel Wasser trinken muss, damit die Stimme nicht wegbleibt. Ich trinke auch bei den normalen Lesungen immer sehr viel Wasser, aber da stehe ich meistens und anscheinend ist es dann besser.
Was wirklich Spaß macht, wenn man Ihnen zuhört, ist Ihr schauspielerisches Talent, Ihr Sinn für Komik, der ja auch schon beim Schreiben deutlich wird. Was macht Ihnen selbst besonders Spaß am Lesen?
Eigentlich macht mir an dem ganzen Beruf sowieso nur das Lesen Spaß. Das Schreiben finde ich meistens mühsam. Aber gerade wenn man diese komischen Stellen so auf den Punkt vorlesen kann, und dann merkt: Aha es kommt rüber, die Lacher kommen – das ist etwas, das man auch braucht.
Haben Sie "Aufruhr im Schlaraffenland" jetzt zum ersten Mal vorgelesen?
Ich habe das ganze Schlaraffenland-Buch meinem Mann und meiner Tochter vorgelesen. Die sind immer mein erstes Publikum. Aber die sind natürlich nicht objektiv, die kann man nicht als repräsentativ bezeichnen. Außerdem unterbreche ich mich dann ständig, weil mir immer wieder Fehler auffallen, oder weil die beiden sagen: „Du halt, da stimmt doch was nicht. Hast Du Dir das genau überlegt?“ Das ist nicht immer sehr angenehm.
Aber das ist ja auch nicht das erste Mal, dass Sie im Tonstudio sitzen.
Ja, ich habe viele, viele, viele Jahre Radio gemacht und habe dort auch eigene Texte gesprochen. Allerdings waren die kürzer. Ich bin überhaupt ein Radio-Mensch. Ich bin ja mit Radio aufgewachsen. Fernsehen hatten wir damals noch nicht. Und ich bin auch heute noch jemand, der am liebsten nur hört und auch gerne Lesungen hört.
Also Hörbücher?
Auch gerne Hörbücher. Als ich noch Kind war, da gab es Hörbücher nur für Blinde. In der Bibliothek gab es in so schmuddeligen braunen Plastikhüllen Kassetten, auf denen Bücher eingelesen waren. Die waren aber nur für Leute, die nicht lesen konnten und ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir so etwas auszuleihen. Ich finde es toll, dass es jetzt diesen Hörbuch-Boom gibt. Ich persönlich habe ganz viele Bücher gehört, die ich vielleicht so gar nicht gelesen hätte, weil sie mir zu dick waren, weil sie mir zu sperrig waren, weil ich die Zeit nicht hatte. Aber hören kann man ja immer. Dabei kann man bügeln oder kochen oder sonst irgendetwas machen.


